INSTITUT FÜR SLAWISTIK

 

Die Geschichte der Breslauer Slawistik geht auf die 40-er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Hier haben u.a. František Ladislav Čelakovský, Wincenty Kraiński, Wojciech Cybulski, Władysław Nehring, Rudolf Abicht und Paul Diels ihre Vorlesungen gehalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die ersten slawistischen Vorlesungen vom Polonisten Stanisław Kolbuszewski (russische Literatur) und Tadeusz Stanisław Grabowski, einem Gastprofessor aus Krakau (westslawische Literaturen), gehalten. Von der Organisation her fanden diese Lehrveranstaltungen in dem seit Herbst 1945 funktionierenden Institut für Polonistik und Slawistik statt. Dieses Institut umfasste den Lehrstuhl für Polonistik, den Lehrstuhl für Allgemeine Slawische Sprachwissenschaft und seit Mitte 1946 auch den Lehrstuhl für Ostslawische Sprachwissenschaft unter der Leitung von Leszek Ossowski.

Das wissenschaftliche Forschungsinteresse von Leszek Ossowski und seine Lehrtätigkeit, vor allem auf dem Gebiet der Russistik (die ersten Vorlesungen betrafen die Morphologie des Russischen, die russische Dialektologie und die Geschichte der russischen Sprache), haben einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der gegenwärtigen sprachwissenschaftlichen Slawistik in Breslau ausgeübt. Mit der Universität Breslau stand dieser Forscher 20 Jahre lang in Verbindung. Gleichzeitig betätigte er sich und bildete Russisten an der Pädagogischen Hochschule Oppeln und anschließend an der Adam-Mickiewicz-Universität Posen aus.

Professor Leszek Ossowski (1905-1996), Zögling der Universität Posen und der Jagiellonen-Universität Krakau (er begann mit dem slawistischen Studium in Posen, erhielt sein Magisterdiplom und erwarb den Doktortitel in Krakau), war Schüler hervorragender Slawisten: Edward Klich, Henryk Ułaszyn, Kazimierz Nitsh, Iwan Ziłyński, Tadeusz Lehr-Spławiński. Unter ihrem Einfluss haben sich seine weitreichenden wissenschaftlichen Interessen entwickelt, die sich auf viele Forschungsgebiete bezogen: 1. ostslawische Dialektologie und polnisch-ostslawische Grenzgebiete, 2. russische und baltoslawische Akzentuierung, Morphologie des Russischen, 3. Fragen zur Bestimmung der Urheimat der Slawen. Auf jedem dieser Forschungsgebiete hat Professor Ossowski neue und bahnbrechende Lösungen vorgeschlagen.

An diese groß angelegten Forschungen, die sowohl als Suche nach sprachlichem Material wie auch Konzeption zur Darstellung des slawischen Sprachmaterials in der synchronen und diachronen Auffassung gedacht waren (Weißrussisch, Ukrainisch, Russisch, Polnisch), haben seine Schüler in deskriptiver und konfrontativer Weise angeknüpft. In Breslau haben sich die vergleichende polnisch-ostslawische Forschung und die allseitigen Studien zu einzelnen ostslawischen Sprachen stark entwickelt. Zu Schülerinnen von Leszek Ossowski gehören Larysa Pisarek und Diana Wieczorek. Unter Vertretern der nächsten Generation von Sprachwissenschaftlern, die mit der Breslauer Slawistik in Verbindung standen, könnte man Bronisława Konopielko, Jan Sokołowski und Michał Sarnowski nennen. Die zwei letztgenannten sind Schüler von Antoni Furdal, einem hervorragenden Slawisten aus Breslau und Absolventen der Jagiellonen-Universität Krakau.

1946 war der Lehrstuhl für Russische Literatur und für Andere Slawische Literaturen gegründet worden; dieser wurde im nächsten Jahr von Marian Jakóbiec übernommen. 1949 wurden die beiden Lehrstühle (Lehrstuhl für Ostslawische Sprachwissenschaft und Lehrstuhl für Geschichte der Russischen Literatur und Anderer Slawischer Literaturen) vom Institut für Polonistik und Slawistik abgegrenzt und nach Zusammenschluss im Jahr 1950 als Anstalten zu einem Bestandteil einer neuen, selbständigen wissenschaftlichen Lehrstelle, d.h. des Lehrstuhls für Russistik, eingerichtet, der Vorgänger des 1969 gegründeten Instituts für Slawistik war. Die Verantwortung für organisatorische Pflichten bezüglich dieser entscheidenden Transformation übernahm Marian Jakóbiec als Leiter des Lehrstuhls und anschließend als Direktor des Instituts (bis 1971). Auf seine Veranlassung ist auch 1969 das erste Heft der in akademischen Kreisen so hoch geschätzten Reihe „Slavica Wratislaviensia” erschienen.

Seine Nachfolger im Amt des Direktors des Instituts für Slawistik waren Zbigniew Barański, Franciszek Sielicki, Telesfor Poźniak, Krystyna Galon-Kurkowa, Tadeusz Klimowicz und Anna Paszkiewicz.

Marian Jakóbiec (1910–1998) war Schöpfer der polnischen Nachkriegsslawistik in Breslau, die Literatur- und Sprachwissenschaft miteinander verknüpfte. Er war Gründer und Veranlasser der Breslauer Schule für slawische Literaturwissenschaft, die Forschungen zu allen slawischen Literaturen umfasste und sich insbesondere auf innerslawische, slawisch-westeuropäische und slawisch-byzantinische Beziehungen konzentrierte. Er gab den ersten Anstoß zur Forschung über die slawische Volkskunst und die polnisch-slawischen Beziehungen auf dem Gebiet von Literatur und Kultur.

Die Breslauer Schüler von Marian Jakóbiec übernahmen seine Betrachtungsweise der slawischen Literaturen als eine differenzierte Gesamtheit, die ein integrierter Bestandteil der europäischen Kultur mit ihrer östlichen und westlichen Lunge ist. Zu diesem Kreis gehören in erster Linie: Zbigniew Barański, Franciszek Sielicki, Telesfor Poźniak, Kole Simiczijew wie auch Krystyna Galon-Kurkowa und Łucja Skotnicka. Das Interesse am südlichen Slawentum hat Milica Jakubiec-Semkowowa geerbt. Schüler von Marian Jakóbiec sind auch u.a.: Tadeusz Klimowicz, Anna Paszkiewicz und Izabella Malej. Zu diesem Kreis zählen Anna Skotnicka und Zofia Tarajło-Lipowska.

Angehörige der Breslauer Slawistik waren seinerzeit u.a.: Grażyna Bobilewicz, Józef Borsukiewicz, Stanisław Kochman, Bronisław Kodzis, Marian Ściepuro, Zbigniew Zbyrowski. Hier haben Krzysztof Cieślik, Stefan Kozak, Andrzej Ksenicz, Anna Majmieskułow, Antoni Semczuk, Aleksandra Wieczorek ihre Doktorarbeiten und / oder Habilitationskolloquien öffentlich verteidigt.

Viele von ihnen beteiligen sich traditionsgemäß an alljährlichen internationalen wissenschaftlichen Konferenzen, die vom Institut für Slawistik veranstaltet werden; dies sind sprachwissenschaftliche Konferenzen in geraden Jahren („Wort und Satz in slawischen Sprachen“) und literaturgeschichtliche Konferenzen in ungeraden Jahren („Große Kulturthemen in slawischen Literaturen“). Aus diesem Anlass wird in der Regel ein Professor-Bronisława-Konopielka-Preis (für besondere Leistungen auf dem Gebiet der slawischen Sprachwissenschaft) vergeben. Konferenzmaterialien werden in Sonderbänden veröffentlicht.

Zurzeit werden am Institut für Slawistik, das sich ständig entwickelt, beinah 50 wissenschaftliche Mitarbeiter und Lehrbeauftragte (darunter 12 Professoren und habilitierte Doktoren) beschäftigt, die 850 Studierende im Direkt, Fern-, Abend- und Aufbaustudium ausbilden (Russisten, Bohemisten, Serbisten und Ukrainisten).

2003 wurde die Breslauer Slawistik als eins der fünf Institute für Slawistik in Polen (aber als das einzige, das Russistik umfasst) von der Universitären Akkreditierungskommission akkreditiert. 2004 wurden wir von der Staatlichen Akkreditierungskommission wie folgt benotet: dreijähriges Fachstudium – positiv (Studiengänge Tschechisch, Russisch, Serbisch, Ukrainisch), zweijähriges Diplomstudium – positiv (Studiengänge Tschechisch, Russisch, Serbisch), Studiengang Ukrainisch ‑ bedingt zugelassen.